Schräglage Motorrad: Wie viel ist möglich – und wie übt ihr sie?
Kennt ihr das? Ihr legt das Motorrad etwas mehr in die Schräge – und irgendwo im Bauch kommt dieses „Halt, das ist unnatürlich“. Ihr wollt euch aufrichten, den Lenker festhalten, ausgleichen. Genau da fängt’s oft an, eng zu werden.
Dazu die Klassiker im Kopf: Wie viel Schräglage geht überhaupt? Wie viel Grad darf man? Was ist eigentlich „gut“? Und wie übe ich das, ohne mich zu überrumpeln?
In diesem Beitrag möchte ich euch ein paar Gedanken dazu geben – und eine einfache Übung mit Kreide, bei der ihr hinterher seht, wie weit ihr wirklich wart. Nicht, wie weit ihr euch gefühlt habt.
Warum überhaupt Schräglage?
Schräglage ist keine Mutprobe. Ihr braucht sie, damit Tempo und Kurvenradius zusammenpassen. Fehlt sie, trägt euch das Bike nach außen – die Kurve „geht aus“. Dazu habe ich schon was geschrieben: Warum geht dir die Kurve aus?
Das Unangenehme: Für den Körper fühlt sich Schräge oft falsch an. Steht ihr gerade und kippt zur Seite, meldet das Hirn irgendwann Alarm. Auf dem Bike ist das ähnlich – obwohl der Reifen noch Reserven haben kann.
Wie viel Schräglage ist mit dem Motorrad möglich?
Eine Zahl für alle? Gibt’s nicht. „Wie viel Schräglage kann ein Motorrad haben?“ hängt von zu vielen Dingen ab:
- Bike & Geometrie – Fußraste, Auspuff, Verkleidung: Was schleift zuerst?
- Reifen & Temperatur – kalt und hart ist was anderes als warm und griffig. Mehr dazu: Wie viel Grip hat ein Reifen in der Kurve?
- Untergrund – trocken, nass, Schotter, Markierung
- Fahrer – Blick, Lockerheit, Linie, Tempo
Zur Orientierung, ohne daraus eine Tabelle zu machen: Im normalen Straßenverkehr liegen viele irgendwo um die 20–35°, wenn’s flüssig und entspannt läuft. Sportlichere Bikes und geübte Fahrer gehen weiter – auf der Rennstrecke deutlich mehr. Die harte Grenze spürt ihr oft, bevor eine App sie anzeigt: Fußraste oder ein anderes Anbauteil setzt auf.
Wie viel Grad „darf“ man – und was ist eine gute Schräglage?
Es gibt keine Vorschrift à la „maximal X Grad“. Im Straßenverkehr geht’s um Sicherheit. Manchmal muss die Schräge da sein – enge Kurven, Serpentinen, Stadt. Manchmal reduziert ihr sie bewusst – Dreck auf der Fahrbahn, nasse Markierung. Was auf Instagram cool aussieht, ist da oft der schlechteste Maßstab.
Eine gute Schräglage ist für mich: passend zur Kurve, zum Tempo und zur Situation – mit Luft nach oben. Nicht die maximale. Nicht „so schräg wie möglich“.
Und „normale Schräglage“ ist erstmal eure aktuelle Komfortzone. Training heißt, die Zonen zu vertiefen, zu fühlen und zu erweitern. Und das Ganze Step by Step zu intensivieren und zu vergrößern.
Wie misst man Schräglage?
Drei Wege, die ich sinnvoll finde:
- Kreide an der Reifenflanke: Eine einfache Methode, um die Schräglage zu messen – simpel und effektiv. Ihr setzt eine Markierung an die Flanke, fahrt ein paar Kreise, steigt kurz ab und schaut nach: Wo ist die Kreide weg? Genau dort seht ihr, wie weit ihr wirklich wart – und versteht die Schräglage besser als über ein Gefühl allein. Die genaue Übung steht weiter unten.
- Smartphone-Apps: Ja, die gibt’s – und als grober Impuls sind sie okay. Als Wahrheit taugen sie schlecht: Halterung, Kalibrierung und Straßenlage verzerren das Ergebnis. Die App fährt die Kurve nicht – ihr.
- Bordcomputer: Manche Bikes zeigen Lean Angle an. Hilfreich, um hinterher mal nachzuschauen – aber kein Ersatz für Gefühl und Blick. Der Sensor sagt euch eine Zahl; fahren müsst ihr trotzdem selbst.
Wenn ihr übt: erst Kreide oder Feedback von außen. App und Bordcomputer erst als Ergänzung.
Bevor ihr mehr Schräge übt
Mehr Schräglage ist kein Mut-Test. Setup zuerst:
- Warme Reifen: Die Reifen müssen warm sein – kalt und steif bringt euch nicht weiter.
- Passender Luftdruck: Der Luftdruck muss stimmen. Mehr dazu unter richtiger Reifendruck Motorrad.
- Sauberer, griffiger Untergrund: Übt nur dort, wo’s sauber und griffig ist – kein Schotter, kein Ölfilm, keine nasse Markierung.
Was oft mitspielt
Schräglage steht selten allein. Meistens hängt sie an vier Dingen:
- Blicktechnik: Schaut dorthin, wo ihr hinwollt – nicht auf den Asphalt vor dem Vorderrad. Mehr dazu in der Übung der Woche: Blicktechnik.
- Lockerheit: Verkrampfte Arme und Schultern machen jede Schräge steifer. Mehr dazu in der Übung der Woche: Lockerheit.
- Stützgas: Gebt ruhig und gleichmäßig Gas, damit das Bike steht und nicht „fällt“.
- Neutrale Sitzposition: Sitzt stabil, ohne euch am Lenker festzuklammern.
Fehlt einer davon, fühlt sich mehr Schräge schnell falsch an – obwohl der Reifen noch Reserven hätte.
Praktisch heißt „größer werden“ oft: Radius groß lassen, Tempo ruhig, Blick weit, Arme weich – und die Schräge smooth aufbauen. Nicht reinwerfen.
Übung: Schräglage mit Kreide sichtbar machen
Meine Lieblingsmethode dafür: Kreide auf die Reifenflanke. Danach fahren – und hinterher schauen, wie weit ihr wirklich gekommen seid.
So geht’s:
- Kreide-Markierung auf die Reifenflanke setzen
- langsam starten, großer Radius, ruhiges Tempo
- smooth mehr Schräge aufbauen – nicht ruckartig „reinwerfen“
- absteigen und Reifen prüfen: Wo ist die Kreide weg? Wo endet eure reale Schräge?
- Komfortzone finden – und dann nur einen kleinen Tick mehr
Genau dieser kleine Tick ist das Training. Nicht der Sprung. Kreide oder Pylonen braucht ihr? Im Starter-Set findet ihr passendes Material.
Kleiner Tipp: Atmen
Klingt banal, wirkt enorm. Viele halten in der Schräge die Luft an – und werden steif. Atmet bewusst weiter. Lockerheit kommt oft über die Atmung zurück, bevor sie über den Lenker kommt.
Wenn die Kurve trotzdem ausgeht
Zu wenig Schräglage ist nur eine mögliche Ursache. Blick, Tempo, Linie, Verkrampfung – oft ist es ein Kreislauf. Überblick: Warum geht dir die Kurve aus?
Danach: mit Kurvenstilen spielen
Wenn die Grundschräge steht, dürft ihr bewusst mit Stilen spielen – Drücken, Hanging Off und Co. Erst die Basis, dann die Variante. Mehr in der Übung der Woche: Kurvenstile.
Das Ganze auch als Video
Wenn die Kurve „ausgeht“: Typische Ursachen und was ihr tun könnt, bevor’s eng wird – im Blog: Warum geht dir die Kurve aus?
Blicktechnik als Übung der Woche findet ihr als Kanalmitglieder unter folgendem Link: hier · schriftlich: Übung der Woche: Blicktechnik.
Weitere kurze Tipps
Kurvenübung für Einsteiger: Große Radien, angepasstes Tempo, Blick und entspannte Arme. Instagram Reel · Überblick: Kurvenfahrt.
Mein Tipp
Mehr Schräglage kommt nicht davon, dass ihr „einfach mutiger“ seid. Sie kommt davon, dass ihr versteht, warum sie da sein muss – und dann Setup, Blick, Lockerheit und Stützgas zusammenbringt. Komfortzone finden. Einen Tick mehr. Wiederholen.
Wollt ihr das Thema im größeren Kontext? Überblick zur Kurvenfahrt – und weitere Übungen unter Übungen.
Fragen oder Anregungen? Schreibt mir gerne über WhatsApp, E-Mail oder Social Media – mehr unter Kontakt.
In diesem Sinn,
die Linke zum Gruß
Matze